Pressespiegel 2015-2016

Die Sozialdemokraten ehren Karl Offen

Norderstedts SPD ließ für den vom NS-Regime verfolgten Tischler einen Stolperstein verlegen. Schüler trugen Gedichte vor.

Norderstedt. Er war einer, der sich treu blieb. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, trat Karl Offen nicht etwa wie viele andere in die NSDAP ein. Er blieb Mitglied der SPD. Mehr noch: Er verteilte antifaschistisches Propagandamaterial. Zudem hörte der Tischler aus Friedrichsgabe, heute ein Norderstedter Ortsteil, Feindsender im Radio und sagte zu seinen Lehrlingen, dass sie nicht alles glauben müssten, was offiziell über den Verlauf des Krieges verkündet würde. Das kostete ihn das Leben. Der SPD-Ortsverein Norderstedt ließ jetzt von Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein für Karl Offen vor dessen Haus am Apmannsweg 23 setzen.

Der am 3. Januar 1890 in Hamburg geborene Offen lebte im Haus Apmannsweg 23 mit seiner zweiten Ehefrau Else und arbeitete als Tischler in der Garstedter Tischlerei Wilhelm Stürzenbecher. Der war ebenfalls in der Politik tätig, aber auf der Gegenseite. Stürzenbecher trat Anfang der 20er-Jahre in den Reichskriegsbund Kyffhäuser ein und 1937 in die NSDAP, war Ortshandwerksmeister und ab 1941 Ortswart der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude.

Stürzenbecher störte die politische Gesinnung seines Tischlers Offen, der seit 1928 als Antifaschist und Sozialist bekannt war. Er konfrontierte ihn in der Tischlerwerkstatt mit seiner angeblich langsamen Arbeitsweise und wollte ihm nachweisen, die Uhr manipuliert zu haben, um früher Arbeitsschluss machen zu können. Der Streit eskalierte, Offen verließ die Werkstatt.

Stürzenbecher ließ ihn von Karl Kords observieren, Ortsvorsitzender der Deutschen Arbeitsfront, DAF. Dem erzählten die Lehrlinge, dass Offen ihnen gesagt hätte, sie müssten nicht alles glauben, was der offizielle Rundfunk melden würde. Kords und Willi Piel, beim DAF nach dem Gesetz Zur Ordnung der nationalen Arbeit für den Arbeitsfrieden in den Betrieben zuständig, schrieben einen Bericht über Offen, gaben ihn bei der DAF ab. Von dort ging der Bericht an die Gestapo.

Offen erhielt eine Vorladung und sollte sich am 4. Dezember 1941 beim Arbeitsamt im Garstedter Rathaus an der Ochsenzoller Straße melden, obgleich er nach seiner Kündigung schon einen neuen Arbeitsplatz beim Sicherheits- und Hilfsdienst, SHD, hatte, der für den Luftschutz zuständig war.

Im Rathaus erwartete ihn die Gestapo. Offen wurde um 14 Uhr festgenommen und im Keller des Rathauses verhört. Die Gestapo begleitete ihn noch nach Hause, damit er seine SHD-Arbeitsuniform ausziehen konnte. Er schloss sich im Schlafzimmer ein und schoss sich in den Kopf.

Seine Ehefrau Else, die ihn zum Rathaus begleitet hatte, aber nicht im Auto mitfahren durfte, sondern ihr Fahrrad nehmen musste, wurde nach dem Suizid ihres Mannes von den Nazis drangsaliert.

Ein Verfahren nach dem Krieg gegen Stürzenbecher, Piel und Kords wurde aus angeblichem Mangel an Beweisen 1948 eingestellt. (Quelle: Jahrbuch 2015, Heimatbund Norderstedt, Jörg Penning.)

74 Jahre nach Karl Offens Selbstmord hat der SPD-Ortsverein Norderstedt einen Stolperstein vor Offens Haus ins Pflaster auf dem Gehweg setzen lassen. In einer von Schülern des Berufsbildenden Zentrums (BBZ), Nachbarn, SPD- und CDU-Mitgliedern gut besuchten Feierstunde wurde der Stolperstein am Dienstag eingeweiht.

Die Verantwortung, dass diese Verfolgung durch ein rechtsradikales Regime nicht wieder geschehen kann, tragen wir alle, sagte Hans-Joachim Grote. Norderstedts Oberbürgermeister wurde von Stadtpräsidentin Kathrin Oehme begleitet. "Wir achten den Mut derjenigen, die sich nicht in die Masse der Mitläufer eingereiht haben", sagte Grote. Die Stolpersteine sollten zeigen, dass die Unmenschlichkeit nicht irgendwo, sondern mitten in der Gesellschaft stattfand. Mehr als 56.000 Stolpersteine hat Gunter Demnig bis jetzt in Europa verlegt, meistens für jüdische Verfolgte und Ermordete. Für die Spuren jüdischen Lebens in den Ursprungsgemeinden Norderstedts haben der Verein Chaverim und die Stadt Stolperstelen aufgestellt.

Eine Oberstufenklasse des BBZ hat sich mit den Stolpersteinen im Unterricht auseinandergesetzt und das tragische Ende Karl Offens in Gedichtform gefasst. Vivien Wolters, Sophia Festerling, Jonna-Levke Wolgast und Arbrija Kadriu trugen diese Gedichte vor. Für uns ist es wichtig, von dieser Nazi-Vergangenheit zu erfahren, damit wir solche Katastrophe für die Zukunft verhindern, sagten die Mädchen, während andere Schüler eine Zeichnung an Reinhold Nawratil, der die Stolperstein-Verlegung und die Feierstunde mit der SPD maßgeblich initiiert hatte, überreichten, mit der sie an Karl Offen erinnern wollen.

Bild 1

Der erste Stolperstein in Norderstedt wurde vor dem ehemaligen Wohnhaus des Sozialdemokraten Karl Offen verlegt.

Foto: Heike Linde-Lembke / HA

Bild 2

Der erste Stolperstein in Norderstedt für den Sozialdemokraten Offen.

Foto: Heike Linde-Lembke / HA

Bild 3

Vivien Wolter (.r.) Sophia Festerling, Jonna-Levke Wolgast und Arbija Kadriu lasen ihre Gedichte auf Karl Offen vor.

Foto: Heike Linde-Lembke / HA

Bild 4

Vor dem Haus am Apmannsweg, in dem Karl und Else Offen lebten, verlegte der Kölner Künstler den Stolperstein.

Foto: Heike Linde-Lembke / HA

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Quelle: Hamburger Abendblatt (Von Heike Linde-Lembke)

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